Eine Welt · Sechs Stationen · Ein roter Faden: dein Nervensystem
  1. ① Nervensystem
  2. ② Schmerz
  3. ③ Messen & Auffüllen
  4. ④ Leben umstellen
  5. ⑤ Ursachen lösen
  6. ⌂ Basislager
← Zurück zur Station ② · Schmerz lösen
Vertiefung · Säure, Gewebe & Schmerz

Warum saures Gewebe hart wird und wehtut —
und warum Bewegung das Gegenmittel ist.

Unter meinen Händen fühlt sich manches Gewebe an wie ein eingetrockneter Schwamm: fest, zäh, empfindlich. Hier erfährst du, was Säure im Gewebe damit zu tun hat, was du jeden Tag auf deinem Teller dazu beiträgst — und warum Rollen, Bewegen und Atmen so viel verändern können.

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Auf dieser Seite
  1. Das Wichtigste
  2. Der Kreislauf
  3. Teller-Rechner
  4. Zum Aufklappen
  5. Was du tun kannst
  6. Selbst tun
  7. Quellen
Das Wichtigste zuerst

Säure ist nicht der Feind. Der Dauerzustand ist es.

Dein Körper ist ein Meister im Puffern. Wenn du läufst, bis die Beine brennen, wird dein Muskel für kurze Zeit sauer — und dein Körper antwortet darauf, indem er seine Puffer ausbaut. Ein kurzer Reiz, danach Erholung: So wirst du stärker.

Dasselbe Muster kennst du vielleicht von Kälte, vom Fasten oder vom bewussten Atem-Anhalten. Forscher nennen es Hormesis: Eine kleine Dosis Belastung trainiert, solange danach Ruhe kommt. Problematisch wird es erst, wenn die Erholung fehlt — wenn die Puffer Tag für Tag, Jahr für Jahr gefordert sind. Der Stressforscher Bruce McEwen hat dafür den Begriff allostatische Last geprägt: Nicht die einzelne Belastung macht krank, sondern die fehlende Pause danach.[1]

Kurz sauer ist Training. Dauerhaft sauer ist Verschleiß.Die Kernbotschaft dieser Seite

Und genau dagegen verstoßen wir heute — meist ohne es zu merken

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Dauersitzen

Faszien und Bandscheiben haben keine eigene Pumpe — Bewegung ist ihre Pumpe. Acht Stunden Stuhl, eine Stunde Sofa: Das Gewebe wird kaum durchgespült.

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Dauerstress

Stress verengt die Gefäße, spannt die Muskeln an und verändert die Atmung. Das Gewebe bekommt weniger Blut — und behält mehr Säure.

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Der volle Teller, wenig Grün

Wurst, Käse, Nudeln, Brot — dazu kaum Gemüse. Wie viel Säure das bringt, kannst du unten im Teller-Rechner selbst ausprobieren.

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Zu wenig Schlaf, nie Pause

Ständig essen, ständig erreichbar, nie kalt, nie hungrig, nie wirklich ruhig. Der Reiz-und-Erholungs-Wechsel, für den unser Körper gebaut ist, fehlt.

Wie groß der Unterschied zu früher ist, hat ein Team um den Nierenforscher Anthony Sebastian ausgerechnet: Von 159 rekonstruierten Ernährungsweisen aus der Zeit vor dem Ackerbau wirkten rund 87 % unter dem Strich basisch. Die heutige westliche Kost wirkt im Durchschnitt deutlich säurebildend.[2] Das sind Modellrechnungen, keine Messungen — aber die Richtung ist eindeutig.

Das große Bild

Ein Kreislauf — und vier Ausstiege

Säure und Entzündung schaukeln sich gegenseitig hoch. Saures Gewebe lockt Entzündung an, und entzündetes Gewebe macht selbst Säure. Alles andere auf dieser Seite hängt an diesem Kreislauf.

Säure Entzündung verstärken sich gegenseitig Schmerz hartes Gewebe Insulin wirkt schlechter Knochenabbau ① durchspülenBewegung · Druck · Atem ② ausgleichenGemüse · Mineralien ③ auflösenOmega-3 · Schlaf ④ beruhigenNervensystem · Ruhe

Die gute Nachricht steckt in der unteren Reihe: Es gibt nicht nur einen Ausstieg, sondern vier. Und jeder davon liegt zu einem großen Teil in deiner Hand.

Zum Ausprobieren

Was liegt auf deinem Teller — und was bräuchte es als Ausgleich?

Jedes Lebensmittel hinterlässt nach der Verdauung eine kleine Säure- oder Basenlast, die deine Niere ausgleichen muss. Die Ernährungsforscher Thomas Remer und Friedrich Manz haben dafür einen Wert berechnet: den PRAL (die mögliche Säurelast für die Niere).[3] Plus heißt säurebildend, Minus heißt basenbildend.

Tipp an, was du heute gegessen hast. Der Rechner zeigt dir, wie viele Schüsseln gemischten Salat (je etwa 200 g) es bräuchte, um die Säure auszugleichen.

Säurebildend
Basenbildend
Dein Teller ist noch leer — tipp etwas an.

Näherungswerte nach der PRAL-Tabelle (Remer & Manz), auf übliche Portionen umgerechnet und gerundet. Der Salat ist mit etwa −5 je Schüssel geschätzt. Der Rechner speichert nichts.

SäurebildendPRAL je 100 gBasenbildendPRAL je 100 g
Parmesan+34,2Rosinen−21,0
Schmelzkäse+28,7Spinat−14,0
Eigelb+23,4Banane−5,5
Gouda+18,6Sellerie−5,2
Salami+11,6Karotte−4,9
Forelle+10,8Zucchini−4,6
Haferflocken+10,7Kartoffel−4,0
Hähnchen+8,7Tomate−3,1
Rindfleisch, mager+7,8Apfel−2,2
Kabeljau+7,1Kaffee−1,4
Spaghetti+6,5Brokkoli−1,2
Vollkornbrot+5,3Gurke−0,8
Ein Teller Fleisch braucht einen Berg Gemüse: 200 g mageres Steak bringen etwa +16 — dafür bräuchte es rund 800 g gemischtes Gemüse.Mit Karotten oder Zucchini reichen etwa 350 g, mit Brokkoli allein wären es über ein Kilo.

Wichtig zur Einordnung: Der PRAL zeigt nur, was am Ende bei der Niere ankommt. Wie gut dein Körper damit fertig wird, hängt zusätzlich davon ab, wie viel du dich bewegst, wie du atmest und wie gestresst du bist. Und: Eiweiß ist nicht schlecht — Muskeln und Knochen brauchen es. Entscheidend ist der Ausgleich daneben.

Zwei Aha-Momente

Was du über Kaffee und Phosphat wissen solltest

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Mythos: „Kaffee übersäuert“

Nicht so, wie du denkst. Nach der PRAL-Tabelle wirkt Kaffee sogar leicht basisch (−1,4), weil er viel Kalium enthält. Dass er sauer schmeckt, sagt über die Wirkung im Körper nichts aus — bei der Zitrone ist es genauso.

Wenn Kaffee schadet, dann auf Umwegen: Viel Koffein treibt die Stresshormone hoch, spült Magnesium aus und stört den Schlaf. Und schlechter Schlaf macht nachweislich schmerzempfindlicher. Ein bis drei Tassen, mit Genuss getrunken und nicht nach dem frühen Nachmittag — das ist für dein Gewebe kein Problem.

Mythos geklärt
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Phosphat — der versteckte Säurebringer

Zucker kennt inzwischen jeder. Phosphat kaum jemand. Es steckt als Zusatzstoff in Schmelzkäse, Wurst und Schinken, in Backwaren, Fertiggerichten, Kaffeeweißer — und als Phosphorsäure in Cola.

Erkennbar an E 338 bis E 341 und E 450 bis E 452 auf der Zutatenliste, an der Theke als „mit Phosphat“. Zugesetztes Phosphat nimmt der Körper viel leichter auf als das natürliche aus Hülsenfrüchten oder Nüssen. Vor zu viel davon warnen auch Nierenärzte im Deutschen Ärzteblatt.[4]

Einkaufs-Tipp

Und Cola? Nach der PRAL-Tabelle ist sie fast neutral (+0,4), weil sie kaum Eiweiß enthält. Ihr Problem ist ein anderes: viel Phosphat und viel Zucker auf einmal. In der Framingham-Studie hatten Frauen, die regelmäßig Cola tranken, eine geringere Knochendichte.[5]

Für alle, die es genauer wissen wollen

Elf Themen zum Aufklappen

Lies nur, was dich interessiert. Jedes Thema ist in sich verständlich. Ich kennzeichne ehrlich, wie gut etwas belegt ist: gut belegt vielversprechend Erklärmodell

1 · Was „sauer“ im Gewebe überhaupt heißt

Dein Blut hält seinen pH-Wert sehr stabil um 7,4 — darauf achtet dein Körper rund um die Uhr. Im Gewebe zwischen den Zellen sieht es anders aus. Dort kann es örtlich deutlich saurer werden: in einem Muskel unter Belastung, in schlecht durchblutetem oder entzündetem Gewebe. gut belegt

Die pH-Skala ist dabei tückisch: Sie zählt in Zehnerschritten. Ein pH-Wert, der um eine ganze Stufe sinkt, bedeutet zehnmal so viel Säure. Schon kleine Zahlen-Unterschiede sind für die Zellen also ein großer Unterschied.

Daneben gibt es die Vorstellung der latenten Azidose: Die Puffer des Körpers sind auf Dauer stärker beansprucht, obwohl das Blut normal bleibt. Der Körper holt sich dann Basen aus Knochen und Bindegewebe. Das ist als Konzept vor allem in der Ernährungsforschung verbreitet; wie stark es im Alltag ins Gewicht fällt, wird diskutiert. vielversprechend

2 · Der Schwamm: warum saures Gewebe hart wird

Zwischen deinen Zellen liegt eine Art Gel, die Grundsubstanz. Sie besteht unter anderem aus Hyaluronsäure und großen Zucker-Eiweiß-Molekülen, den Proteoglykanen. Diese Moleküle sind elektrisch negativ geladen und ziehen dadurch Wasser an — wie ein Schwamm. So entsteht ein Gel, das gleitet, federt und Nährstoffe weiterleitet.

Säure stört dieses Gleichgewicht. In der Faszienforschung um Carla und Antonio Stecco gilt die Vorstellung: Unter Belastung, bei Säure oder Wärmeverlust wird die Hyaluronsäure zäher, die Schichten verkleben, sie gleiten nicht mehr. Die Steccos nennen das Densifikation.[6] vielversprechend

Gut belegt ist der Zusammenhang an Bandscheibe und Knorpel: Beide halten ihr Wasser über Proteoglykane, und in saurem Milieu bilden die Zellen weniger davon. gut belegt Das Grundsubstanz-Bild nach Alfred Pischinger als Ganzes ist ein hilfreiches Erklärmodell, aber nicht in allen Einzelheiten gemessen. Erklärmodell

Gesundes Gewebe ist wie ein nasser Schwamm: weich, federnd, durchlässig. Saures Gewebe ist wie ein eingetrockneter Schwamm: hart, rissig, nichts fließt.Und deshalb reicht Trinken allein nicht — Bewegung, Druck und Atmung „wässern“ den Schwamm von innen.
3 · Säure und Schmerz: die Sensoren an deinen Nerven

An deinen Schmerzfasern sitzen kleine Säure-Fühler, die ASIC-Kanäle (säureempfindliche Ionenkanäle), dazu der Rezeptor TRPV1, der auch auf Chili-Schärfe reagiert. Sinkt der pH im Gewebe, schlagen sie an. gut belegt

Wie direkt das zusammenhängt, zeigte eine Studie aus Erlangen: Wurde bei Freiwilligen das Blut am Arm abgebunden, sank der pH im Gewebe — und die Stärke des Schmerzes folgte der Säure fast im Gleichschritt. Eine saure Lösung, in den Unterarmmuskel geleitet, erzeugte genau diesen Schmerz.[7]

Der Schmerzforscher Jay Shah hat mit feinen Sonden direkt in schmerzhafte Muskelknoten (aktive Triggerpunkte) hineingemessen: Das Milieu war dort deutlich saurer, und es enthielt mehr Entzündungs- und Schmerzbotenstoffe wie Substanz P, CGRP und Bradykinin.[8] Eine kleine Studie — aber genau das, was man unter den Händen spürt.

Dazu kommt: Säure macht Nerven empfindlicher. Danach tun auch Druck und Dehnung mehr weh, die vorher harmlos waren.

4 · Warum Rollen und Bewegen so viel bewirken

Drei Wege greifen ineinander:

  1. Spülen: Bewegung und Druck pumpen Blut und Lymphe durch das Gewebe. Säure, Milchsäure und Entzündungsstoffe werden abtransportiert, frische Puffer kommen nach.
  2. Gleiten: Druck, Wärme und Bewegung machen die Hyaluronsäure wieder geschmeidiger — die Schichten können wieder gleiten.
  3. Umschalten: Druck- und Bewegungsreize laufen über schnelle Nervenfasern und können die Schmerzweiterleitung im Rückenmark dämpfen (Gate-Control nach Melzack und Wall).

Genau das ist die Logik hinter der Abfolge, mit der ich arbeite: erst rollen oder drücken, dann dehnen, dann kurz halten. Wie das Region für Region geht, findest du in der Vertiefung Osteopressur & Engpassdehnung.

5 · Rücken und Bandscheibe: die Pumpe heißt Bewegung

Die Bandscheibe hat keine eigenen Blutgefäße. Sie wird nur durch Be- und Entlastung versorgt, wie ein Schwamm, den man drückt und wieder loslässt. Schon 1968 maßen schwedische Forscher um Alf Nachemson bei Patienten mit Nervenwurzel-Schmerz während der Operation in der Bandscheibe: Je saurer, desto mehr Milchsäure.[9] In saurem Milieu bauen Bandscheibenzellen weniger Wasser bindende Substanz auf. gut belegt

Dazu passt ein Befund, der für chronischen Schmerz wichtig ist: Die Schmerzforscherin Kathleen Sluka spritzte Ratten zweimal im Abstand von fünf Tagen eine saure Lösung in einen Muskel. Danach waren die Tiere wochenlang auf beiden Seiten schmerzempfindlich — ohne bleibenden Gewebeschaden.[10] Säure kann das Nervensystem also auf Dauerschmerz einstellen. Wie man dieses „Hochregeln“ wieder umkehrt, erkläre ich in der Vertiefung Zentrale Sensibilisierung.

Für die Bandscheibe ist Schonen das Ungünstigste. Bewegung ist ihre einzige Pumpe.
6 · Rheuma und Gelenke

Die Gelenkflüssigkeit in entzündeten Gelenken ist messbar saurer als in gesunden — je aktiver die Entzündung, desto saurer. gut belegt Die Säure-Fühler an den Gelenknerven tragen zum Schmerz bei. An den Knorpelzellen gibt es ebenfalls solche Kanäle; im Tierversuch kann Säure über sie den Untergang von Knorpelzellen fördern. vielversprechend

Für dich heißt das: Bei Rheuma gehört die ärztliche Behandlung der Entzündung in die erste Reihe. Bewegung, Ausgleich und Ruhe für das Nervensystem kommen begleitend dazu.

7 · Zucker, Insulin und Diabetes

Säure stört die Wirkung von Insulin. Ralph DeFronzo zeigte schon 1979: Wurde bei gesunden Menschen künstlich eine leichte Übersäuerung erzeugt, sank ihre Insulinempfindlichkeit um rund ein Drittel.[11] gut belegt

In einer französischen Langzeitstudie mit über 66.000 Frauen hatten diejenigen mit der höchsten Säurelast in der Ernährung ein um rund 56 % höheres Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken.[12] Eine Beobachtungsstudie, kein Beweis — aber ein deutliches Signal. vielversprechend

Und es dreht sich im Kreis: Wer insulinresistent ist, hat oft einen saureren Urin. Bei Diabetes kommt noch etwas dazu: Die feinen Blutgefäße sind oft geschädigt, Säure wird schlechter abtransportiert, und Zucker „verklebt“ das Kollagen. Deshalb sind steife Schultern oder steife Fußsohlen-Sehnen bei Diabetikern deutlich häufiger. Bewegung und Durchblutung sind hier doppelt wertvoll. Wenn das Gefühl in Füßen oder Händen nachgelassen hat, sollte Druck behutsam dosiert werden.

8 · Knochen: die Abbau-Zellen springen auf Säure an

In deinem Knochen arbeiten zwei Teams: Osteoblasten bauen auf, Osteoklasten bauen ab. Der Londoner Forscher Tim Arnett fand: Bei pH 7,4 sind die Abbau-Zellen kaum aktiv, um pH 6,9 arbeiten sie mit voller Kraft — schon winzige pH-Schritte können ihre Aktivität verdoppeln.[13] Gleichzeitig bremst Säure den Aufbau. gut belegt (Zellversuche)

Beim Menschen: In zwei Schweizer Studien um Sigrid Jehle stieg die Knochendichte, wenn Frauen mit Osteopenie bzw. gesunde Ältere ein bis zwei Jahre lang basisch wirkendes Kaliumcitrat bekamen — in der Vergleichsgruppe nicht.[14] Andere Forscher, etwa Tanis Fenton, sehen in ihren Auswertungen keinen klaren Beweis, dass die Säure aus der Ernährung allein Osteoporose verursacht.[15] vielversprechend, umstritten

Weitere Treiber für die Abbau-Zellen: sinkendes Östrogen in den Wechseljahren, Entzündung, Dauerstress, Mangel an Vitamin D, K2 und Magnesium — und Bewegungsmangel. Knochen braucht Belastung als Reiz.

9 · Entzündung: wie sich der Kreislauf schließt

Saures Milieu ist für deine Immunzellen ein Alarmsignal. Eine finnische Forschungsgruppe zeigte, dass Säure in Fresszellen das sogenannte Inflammasom einschaltet — eine Art Zündschalter, der den starken Entzündungsbotenstoff IL-1β freisetzt.[16] gut belegt (Zellversuche) Zusätzlich reizt Säure die Nervenenden, die daraufhin selbst Botenstoffe ausschütten, die Gefäße durchlässiger machen.

Umgekehrt arbeiten aktivierte Immunzellen auf Hochtouren und produzieren dabei Milchsäure. Entzündetes Gewebe wird also selbst sauer — und der Kreis ist geschlossen. Ein Ausstieg, den viele unterschätzen: Omega-3-Fettsäuren. Aus ihnen bildet der Körper Stoffe, die Entzündung aktiv beenden, statt sie nur zu dämpfen. Mehr dazu auf Station ③.

10 · Die Atmung: der schnellste Hebel

Die Lunge ist der schnellste Regler im ganzen Säure-Basen-System. Kohlendioxid (CO₂) wandert ungehindert durch jede Zellwand — ändert sich deine Atmung, ändert sich der pH in Blut, Gewebe und Zellen innerhalb von Sekunden bis Minuten. Die Niere braucht dafür Stunden bis Tage. gut belegt

Das Paradox der Stressatmung: Wer gestresst ist, atmet oft zu viel — schnell, flach, mit vielen Seufzern. Dabei geht zu viel CO₂ verloren. Das Blut wird dadurch eher basisch, doch das Gewebe leidet: CO₂ ist ein Gefäßöffner, ohne genug davon ziehen sich die Gefäße zusammen — im Gehirn sinkt die Durchblutung um etwa 2 bis 4 % je Millimeter CO₂-Druck.[17] Außerdem gibt das Blut Sauerstoff schlechter ans Gewebe ab, die Muskeln werden erregbarer und spannen an. Unterm Strich: Stressatmung macht das Gewebe eng, sauerstoffarm und sauer.

Langsames, leises Atmen durch die Nase — etwa sechs Atemzüge pro Minute — wirkt dem entgegen. Und es gibt die andere Seite: Steigt das CO₂ zu stark, meldet ein Säure-Fühler im Angstzentrum des Gehirns Alarm. Im Tierversuch löste genau das Angst aus.[18] Atmung kann Anspannung also auslösen und lösen.

Wie das genau funktioniert und welche Übungen helfen, erkläre ich ausführlich auf nervensystem-reset.de · Atmung im Detail.

11 · Was Worte mit Schmerz machen

Erwartung verändert Schmerz — messbar. Die Neurologin Ulrike Bingel zeigte 2011: Dasselbe starke Schmerzmittel wirkte bei Freiwilligen etwa doppelt so stark, wenn sie eine positive Wirkung erwarteten. Erwarteten sie das Gegenteil, war die Wirkung praktisch verschwunden.[19] gut belegt

Darum arbeitet die Medizin heute zunehmend an ihrer Sprache: „Viele empfinden das nur als leichten Druck“ statt „Das kann jetzt wehtun“. Ärztinnen und Ärzte müssen über Risiken aufklären — das schützt dich. Wie man es sagt, macht trotzdem einen Unterschied. Ich halte es so: ehrlich sein, ohne Angst zu machen, und Hoffnung wecken, ohne etwas zu versprechen.

Ein Blick über den Tellerrand: Forscher untersuchen auch, welche Rolle Säure-Fühler im Gehirn spielen — etwa beim Schlaganfall, wo sie im Tierversuch Nervenzellen schädigen, oder bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose. Beim Menschen ist hier vieles noch offen; ein erster Medikamenten-Versuch bei MS blieb ohne Erfolg.[20] Spannende Forschung — aber kein Grund zur Sorge, sondern ein Grund mehr für einen ruhigen, gut durchspülten Körper.
Zwei Studien, ehrlich eingeordnet

Was Basen-Mineralien in Studien bewirkt haben

Studie · Rückenschmerz

Vormann u. a., 2001

82 Menschen mit chronischen Rückenschmerzen nahmen vier Wochen lang zusätzlich zu ihrer üblichen Behandlung ein basisches Mineralstoff-Präparat. Ihr Schmerz-Wert (Arhus-Index) sank im Mittel von 41 auf 21 Punkte; 76 von 82 berichteten eine Besserung. Das Magnesium in den Blutzellen stieg um rund 11 %.[21]

Ehrlich eingeordnet: Es gab keine Vergleichsgruppe mit Scheinpräparat. Erwartung, Zuwendung und der natürliche Verlauf können also mitgewirkt haben — und das Präparat enthielt auch Magnesium, das für sich schon auf Muskeln wirkt. Ein ermutigendes Signal, kein Beweis.

Studie · Gewicht & Leistung

Hottenrott, Vormann u. a., 2020

80 übergewichtige Erwachsene trainierten zwölf Wochen lang drei- bis viermal pro Woche Ausdauer, die Hälfte zusätzlich mit Intervallfasten. Per Los bekam jeweils ein Teil ein basisches Mineralstoff-Präparat, der andere ein Scheinpräparat — weder Teilnehmer noch Untersucher wussten, wer was bekam. Mit Basen-Mineralien nahmen die Teilnehmer deutlich mehr ab: beim Intervallfasten 8,3 statt 5,8 kg, ohne Fasten 5,6 statt 3,4 kg.[22]

Ehrlich eingeordnet: Eine sorgfältig angelegte, aber kleine Studie (16–18 Personen pro Gruppe), finanziert vom Hersteller des Präparats. Neben Basen enthielt es auch Magnesium und Spurenelemente — was genau gewirkt hat, lässt sich nicht trennen. Schön passt sie zur Kernbotschaft: Reiz (Training, Fasten) und Ausgleich gehören zusammen.

Und eine Studie, die bremst: An der Berliner Charité veränderte eine vierwöchige eiweißreiche Kost bei gesunden Älteren den Säure-Basen-Haushalt im Blut nicht messbar; das Basen-Präparat hob die Pufferreserve (Bicarbonat) und verbesserte die Zuckerverwertung im Muskel.[23] Ein gesunder Körper puffert viel weg — die Frage ist, wie lange und um welchen Preis.

Was du tun kannst

Mehrere Wege — du wählst, was zu dir passt

Das hier sind Anregungen, keine Verordnung. Was du persönlich brauchst, hängt von dir ab — darum lohnt es sich, erst zu messen und dann zu entscheiden.

🥗

Gemüse als Grundlage

Eine mediterrane, gemüsereiche Küche ist der wirksamste und günstigste Ausgleich. Faustregel: Neben jede Portion Fleisch, Fisch, Käse oder Nudeln gehört eine große Portion Gemüse oder Salat.

🚶

Bewegung als Pumpe

Viele kleine Bewegungspausen über den Tag spülen das Gewebe durch — Treppe statt Aufzug, zwischendurch aufstehen, abends eine Runde gehen. Dazu Rollen und Dehnen.

🌬️

Ruhig atmen

Ein paar Minuten langsame Nasenatmung am Tag, besonders in Stressmomenten. Sie ist der schnellste Hebel, den du hast.

💧

Mineralwasser mit Hydrogencarbonat

Manche Mineralwässer enthalten viel Hydrogencarbonat — ein natürlicher Puffer; es steht auf dem Etikett. Nachteil: Kisten sind schwer, und das Leitungswasser hier im Bayerischen Wald ist weich und mineralarm.

🧂

Basen-Mineralien

Präparate auf Citrat-Basis (etwa mit Kalium- und Magnesiumcitrat) gelten als magenschonend. Präparate mit Carbonaten neutralisieren dagegen auch die Magensäure, die du für die Verdauung brauchst. Ein Zusatz — kein Ersatz für Gemüse.

🐟

Entzündung beruhigen

Omega-3-Fettsäuren, guter Schlaf und weniger Fertigkost setzen am anderen Ende des Kreislaufs an — bei der Entzündung.

Bitte beachten: Viele Basen-Präparate enthalten reichlich Kalium. Bei eingeschränkter Nierenfunktion und bei Medikamenten, die Kalium im Körper halten (zum Beispiel bestimmte Blutdruckmittel wie ACE-Hemmer, Sartane oder Spironolacton), kann der Kaliumspiegel zu stark steigen. Sprich in diesen Fällen vorher mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Und: Treib deinen Urin nicht auf Dauer stark ins Basische — dauerhaft sehr hohe Werte begünstigen andere Arten von Nierensteinen und Harnwegsinfekte.
Der rote Faden dieser Welt

Was hat das mit deinem Nervensystem zu tun?

Sehr viel. Ein Nervensystem im Dauer-Alarm verengt die Gefäße, spannt die Muskeln an und lässt dich flacher atmen — alles drei sorgt dafür, dass Säure im Gewebe liegen bleibt. Umgekehrt meldet saures Gewebe Schmerz und hält den Alarm am Laufen. Wer sein Nervensystem beruhigt, öffnet damit buchstäblich die Schleusen. Mehr dazu auf Station ① · Nervensystem.

Woran du es merkst — messen statt glauben

Urin-pH-Profil: Teststreifen aus Apotheke oder Drogerie kosten wenige Euro. Miss drei bis fünf Tage lang mehrmals täglich. Morgens ist der Urin normalerweise sauer; im Tagesverlauf, besonders nach gemüsereichen Mahlzeiten, sollte er zwischendurch deutlich basischer werden. Bleibt er den ganzen Tag sauer, fehlt meist die Gegenseite.

Dazu deine Schmerzskala von 0 bis 10 und, wenn du magst, ein Beweglichkeits-Test. Nach vier Wochen Ausgleich, Bewegung und Atmung: dieselbe Messung noch einmal. Dann siehst du schwarz auf weiß, ob sich etwas bewegt.

Selbst tun · heute

Das Fünf-Minuten-Durchspülen

Täglich · ca. 5 Min · ideal nach langem Sitzen

Atmen, rollen, bewegen

Drei Schritte, die alle drei Ausstiege aus dem Kreislauf auf einmal nutzen: Atmung, Druck und Bewegung.

So geht's: 1) Zwei Minuten atmen: Setz dich aufrecht hin, Mund zu. Atme leise durch die Nase etwa vier Sekunden ein und sechs Sekunden aus — rund sechs Atemzüge pro Minute. Der Bauch hebt sich, die Schultern bleiben ruhig. 2) Zwei Minuten rollen: Leg einen Tennisball oder eine Faszienrolle unter die Stelle, die sich am festesten anfühlt — oft Gesäß, Oberschenkel-Außenseite oder der Bereich zwischen den Schulterblättern. Rolle langsam, bleib an empfindlichen Punkten 20 bis 30 Sekunden mit spürbarem, aber gut aushaltbarem Druck. Weiter ruhig atmen. 3) Eine Minute bewegen: Steh auf, kreise Schultern und Becken, geh ein paar Schritte, wippe auf den Fußballen.
Prüf es selbst: Wie fest fühlt sich die Stelle an (0–10) und wie beweglich bist du (z. B. Vorbeuge) — vorher und nachher.

Mehr davon — kostenlos und ohne Anmeldung: die Selbsthilfe-Seiten. Und für Klienten: der geschützte Bereich mit Übungen, Atem-Begleiter und Acht-Wochen-Wegen.

Worauf sich diese Seite stützt — Quellen & Einordnung
  1. [Übersicht] McEwen B. S., Konzept der allostatischen Last, u. a. New England Journal of Medicine 1998.
  2. [Studie] Sebastian A. u. a., Estimation of the net acid load of the diet of ancestral preagricultural Homo sapiens and their hominid ancestors. American Journal of Clinical Nutrition 2002;76:1308–16 — Modellrechnung, 159 Ernährungsweisen.
  3. [Studie] Remer T. & Manz F., Potential renal acid load of foods and its influence on urine pH. Journal of the American Dietetic Association 1995;95:791–7 — Ursprung der PRAL-Werte.
  4. [Übersicht] Ritz E. u. a., Phosphatzusätze in Lebensmitteln — ein Gesundheitsrisiko. Deutsches Ärzteblatt International 2012;109(4):49–55.
  5. [Studie] Tucker K. L. u. a., Colas, but not other carbonated beverages, are associated with low bone mineral density in older women: The Framingham Osteoporosis Study. American Journal of Clinical Nutrition 2006.
  6. [Denkschule] Stecco C. u. a., Hyaluronan within fascia in the etiology of myofascial pain. Surgical and Radiologic Anatomy 2011 · Pavan P. G. u. a., Painful connections: densification versus fibrosis of fascia. Current Pain and Headache Reports 2014.
  7. [Studie] Issberner U., Reeh P. W., Steen K. H., Pain due to tissue acidosis: a mechanism for inflammatory and ischemic myalgia? Neuroscience Letters 1996;208:191–4.
  8. [Studie] Shah J. P. u. a., An in vivo microanalytical technique for measuring the local biochemical milieu of human skeletal muscle. Journal of Applied Physiology 2005;99:1977–84 — kleine Studie.
  9. [Studie] Diamant B., Karlsson J., Nachemson A., Correlation between lactate levels and pH in discs of patients with lumbar rhizopathies. Experientia 1968;24:1195–6.
  10. [Studie] Sluka K. A., Kalra A., Moore S. A., Unilateral intramuscular injections of acidic saline produce a bilateral, long-lasting hyperalgesia. Muscle & Nerve 2001;24:37–46 — Tierversuch.
  11. [Studie] DeFronzo R. A. & Beckles A. D., Glucose intolerance following chronic metabolic acidosis in man. American Journal of Physiology 1979;236:E328–34.
  12. [Studie] Fagherazzi G. u. a., Dietary acid load and risk of type 2 diabetes: the E3N-EPIC cohort study. Diabetologia 2014;57:313–20 — Beobachtungsstudie, 66.485 Frauen.
  13. [Studie] Arnett T. R. & Dempster D. W., Effect of pH on bone resorption by rat osteoclasts in vitro. Endocrinology 1986;119:119–24 · Arnett T. R., Proceedings of the Nutrition Society 2003;62:511–20.
  14. [Studie] Jehle S. u. a., Journal of the American Society of Nephrology 2006;17:3213–22 (Kaliumcitrat bei Osteopenie, 12 Monate) · Jehle S. u. a., Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2013;98:207–17 (gesunde Ältere, 24 Monate).
  15. [Übersicht] Fenton T. R. u. a., Meta-Analyse, Journal of Bone and Mineral Research 2009;24:1835–40 · Causal assessment of dietary acid load and bone disease. Nutrition Journal 2011;10:41.
  16. [Studie] Rajamäki K. u. a., Extracellular acidosis is a novel danger signal alerting innate immunity via the NLRP3 inflammasome. Journal of Biological Chemistry 2013;288:13410–9 — Zellversuche.
  17. [Übersicht] Willie C. K. u. a., Regulation of cerebral blood flow by arterial gases. Journal of Physiology 2012;590:3261–75 (Zusammenhang CO₂ und Hirndurchblutung).
  18. [Studie] Ziemann A. E. u. a., The amygdala is a chemosensor that detects carbon dioxide and acidosis to elicit fear behavior. Cell 2009;139:1012–21 — Tierversuch.
  19. [Studie] Bingel U. u. a., The effect of treatment expectation on drug efficacy. Science Translational Medicine 2011;3:70ra14.
  20. [Studie] Xiong Z. G. u. a., Cell 2004;118:687–98 (Säure-Fühler beim Schlaganfall, Tierversuch) · Chataway J. u. a., MS-SMART, Lancet Neurology 2020;19:214–25.
  21. [Studie] Vormann J. u. a., Supplementation with alkaline minerals reduces symptoms in patients with chronic low back pain. Journal of Trace Elements in Medicine and Biology 2001;15:179–83 — offene Studie ohne Kontrollgruppe.
  22. [Studie] Hottenrott K. u. a., Exercise training, intermittent fasting and alkaline supplementation as an effective strategy for body weight loss. Life 2020;10(5):74 — doppelblind, placebokontrolliert; vom Hersteller des Präparats finanziert.
  23. [Studie] Boschmann M. u. a., Effects of dietary protein-load and alkaline supplementation on acid-base balance and glucose metabolism in healthy elderly. European Journal of Clinical Nutrition 2020;74:48–56.

Alles auf dieser Seite ist in meinen eigenen Worten wiedergegeben. Drei Ehrlichkeits-Stufen: gut belegt · vielversprechend, Forschung läuft · Erklärmodell — prüfe es selbst per Messung. Fehlende Studien sind kein Nein, sondern eine offene Frage. Ich nenne bewusst keine Produkt-Marken und keine Mengen.

Weiter auf deiner Reise

Du weißt jetzt, warum Gewebe hart wird — jetzt geht es ans Lösen.

Wie Druck, Dehnung und kurzes Halten das Gewebe Region für Region wieder geschmeidig machen, zeigt die nächste Vertiefung. Und was in deinem Blut Entzündung füttert, siehst du erst, wenn du es misst.

↩ Zurück zur Station ②Schmerz lösen — der Einstieg mit Selbst-Tests und drei Übungen. Osteopressur & EngpassdehnungWo der Druck ansetzt, wo die Dehnung wirkt — Region für Region. → Station ③ · Messen & AuffüllenWas Entzündung in dir füttert, siehst du nicht — du misst es.
↑ ⇄Preise & Ablauf ✉